P. JEAN MARC STOOP, ZUR GESCHICHTE DER RÖMISCH-KATHOLISCHEN PFARREI VON SCHERBAKTY



Heilige Wurzeln in Brabander

Der Rayon Scherbakty im Gebiet Pavlodar wurde von Katholiken wohl erst durch die Zwangsumsiedlung im zweiten Weltkrieg aus dem Wolgagebiet besiedelt. Ein großer Teil dieser Deutschen stammte aus dem katholischen Dorf Brabander am linken Wolgaufer, südlich von Saratov.

Brabander wurde am 26. 6. 1767 gegründet. Die Siedler stammten vorwiegend aus Hessen. Zur Pfarrei Brabander gehörten auch die Dörfer Kasitzkaja, Audincourt, Brabenberg und Stepnoje. Im Jahre 1919 etwa zählte die Gemeinde 4248 Eingepfarrte. Joseph Schnurr gibt in seinem Buch "Die Kirchen und das religiöse Leben der Russlanddeutschen - Katholischer Teil" folgende zeitliche Reihenfolge der Geistlichen an: P. Thaddäus Hattowsky S. J. März 1803-19. 1. 1807, P. Heinrich Guillemaint 20. l. 1807-Sept. 1820. Dominikaner und Trinitarier aus polnischen Klöstern. Joseph Wanner 1867-1871, Johannes Ungemach 1884, zeitweilig, Adolf Ulrich 1884-1890, Peter Bach 1901-1914 (auch später?) Die Gläubigen hatten eine große Pfarrkirche aus Holz, dessen 55m hoher Turm im Schicksals jähr 1941 noch erhalten war. Als die Atheisten anfangs dreißiger Jahre das Kreuz abnahmen, war es zu einem Todessturz gekommen. Das Innere der Kirche war reich mit vergoldeten Schnitzereien ausgeschmückt, die um das Jahr 1933 versteigert wurden. Pfarrer Bach hatte 1906 zwei 170cm hohe Stuf lesser'sehe Statuen des hl. Josef mit Kind und des hl. Aloisius in halbreicher Ausführung angeschafft. 1914 ist Ad. Graf als Küster und Religionslehrer angeführt. 1953 wurde Brabander infolge des Wolgastaus für die Hydrostation bei Stalingrad zu Teil überflutet.
 

IObwohl die atheistische Regierung in den dreißiger Jahren die Priester genommen und jegliche religiöse Versammlung unter schwerer Strafe verboten hatte, versammelten sich einige Gläubige zum Gebet. So wurde auch der gegen vierzig jährige Vorbeter Martin Jegorovitsch Schewalie von seiner Frau und den acht Kindern weggenommen und zu zehn Jahren Lagerhaft nach Sibirien verbannt. Von dort ist er nie mehr heimgekehrt. 
In den Kriegswirren 1941 wurden alle Deutschen in den Osten deportiert. 

Viele aus Brabander und anderen Wolgadörfern wurden an die Kolchosen und Sovchosen um Scherbakty im Gebiet Paviodar verteilt, wo gerade Arbeitskräfte nötig waren. Die Familien wurden bald nochmals auseinandergerissen.

Arbeitsfähige Männer, Frauen und Jugendliche wurden zur Arbeitsfront rekrutiert und in die Wälder Sibiriens gebracht. Viele starben an Unterernährung, Erschöpfung, Hunger und Kälte. Manche Gläubige erfuhren aber gerade in dieser überaus großen Not Gottes wunderbare Hilfe. (Anna Frank, Malinovka) Überlebende der etwa fünf Jahre dauernden Arbeitsfront versuchten dann zu ihren Familienangehörigen nach Kasachstan zurückzukehren. Im Umkreis von Scherbakty wohnten nun viele Katholiken aus Brabander. Als man ihnen schon früher an der Wolga die Priester genommen hatte, wurde ein Blinder, Alexander Graf als Laienmissionar aktiv. Schon an der Wolga und später hier in unserem Rayon unterrichtete er viele Kinder im Glauben, betete mit den Leuten und spendete ihnen das Sakrament der Taufe. Er wohnte in Sergeevka, ca. 8 km von Scherbakty entfernt.

Mut zu beten

Hier in der Verbannung hatten einige Gläubige den Mut, am Sonntag mit ein paar Freunden zuhause zu beten. Mancherorts wechselte man regelmäßig ab, in wessen Haus man sich versammelte. So bezeugt Frau Katharina Vogel aus Orlovka, daß sie gleich nach der Heimkehr aus der Arbeitsfront 1947 daheim jeden Sonntag gemeinsam gebetet haben. In Safievka haben sich die Katholiken wohl auch etwa seit dieser Zeit zum Gebet versammelt. Da war es eine Ehrensache, die Gemeinde im eigenen Haus zu versammeln. Dieses Recht hatte meistens der Älteste bis zu seinem Tod.

Mit der Ankunft der Katholiken in unserem Pfarrgebiet wurden in vielen Dörfern Rosenkranz oder die "stille Messe" gebetet und ihre hergebrachten Lieder gesungen, manchmal in einzelnen Familien, manchmal in kleineren oder größeren Gruppen. Man versammelte sich in verschiedenen Häusern oder auf dem Friedhof.

Mit der 1956 gewährten Rehabilitierung der Gefangenen wurden auch viele Priester wieder frei. So kamen manchmal Priester aus dem Baltikum oder aus Karaganda in unseren Rayon. Der 30 jährige P. Anton Schischkjavitschus aus Litauen war durch Gottes Vorsehung Gefangener in Slavgorod/Altaiski Kraj.

Nun wirkte er in zahllosen Dörfern im weiten Umkreis. So wurden sehr viele unserer heute älteren Katholiken vieler verschiedener Ortschaften in den Jahren 1956-59 von ihm getauft. Später, als ihm die priesterliche Tätigkeit in Slavgorod verboten wurde, zog er nach Frunse in Kirgisien. Die Priester kamen des Nachts, spendeten die Sakramente und veschwanden oft so spurlos, wie sie gekommen waren.

Registrierung der katholischen Gemeinde

Der Ende fünfziger Jahre aus Sibirien zugezogene deutschstämmige Gläubige Jörg Gerhardovitseh Lattegan, wohnhaft in der uliza 8 Sovjest 26, setzte sich schon früh dafür ein, daß die katholische Gemeinde in Scherbakty der propagierten Glaubensfreiheit gemäss registriert würde, um ein gemeinsames Gebetshaus zu kaufen. Gerade in den umliegenden Dörfern konnte er viele Gläubige finden, die zu diesem Ziel spendeten. Die Gebietszeitung "Svjesda Priirtischaja" vom 26. 2. 1975 verlacht ihn: "Lattegan will im Rayonzentrum die Erlaubnis zur Eröffnung einer Katholischen Kirche erreichen und sammelt dafür in den deutschen Dörfern Geld für einen Kirchbau. Er geht von Haus zu Haus. Um nach öffentlicher Ordnung ein Gebetshaus zu eröffnen, sammelte er schon 38 Unterschriften. Das Exekutivkomitee von Scherbakty verurteilte Lattegan einstimmig wegen unerwünschter Tätigkeit zu einer Geldstrafe von 75 Rubel. Als dann noch der abgeordnete Präsident des Komitees P. J. Salz herbeikam, erinnerte er Lattegan, daß er ja vor wenigen Jahren schon für seine ungesetzlichen Tätigkeiten bestraft und schriftlich verwarnt wurde. " "Jörg Vetter", wie ihn die Gläubigen nannten, dessen Augenlicht sehr eingeschränkt war, sah aber mit dem Herzen klarer. So kämpfte er trotz der Schikanen weiter. Im Jahre 1979, am 27. Februar, wurde die katholische Gemeinde registriert. Die Gläubigen konnten das Haus an der uliza Sapadnaja 19 kaufen und zu einem offiziellen Gebetshaus herrichten. Jeweils sonntags und zweimal wochentags versammelten sich die Gläubigen zum Gebet. Einmal monatlich kam ein Priester und feierte das heilige Messopfer.

Seit dem 29. 4. 1979 führt Lattegan exakt das Kassenbuch der neuen Vereinigung von gläubigen Katholiken. Protokollgemäß fand die erste Versammlung am 8. 7. 1979 statt, zu der 43 der 52 Mitgliedern erschienen. Der Feuerschutz, der mit einmal wöchentlich eine Versammlung von 50 Leuten für eine Stunde rechnete, ordnete am 6. 9. 79 an: Entfernung von einer Wand und einem Ofen, mindestens 3 aufmachbare Fensterchen zur Belüftung, Verbesserung der Toilette und anderes mehr. Aus dem Baltikum wurden zwei kleine Gipsstatuen, Herz Jesu und eine Lourdes-Muttergottes geschenkt. Auch wurde eine kleine Reliquie des heiligen Kasimir für den Altar gebracht. Somit stand die neue Gemeinde unter dem Schutz des hl. Kasimir, dessen Fest am 4. März gefeiert wird.

Schon 1978 wurde in Paviodar die katholische Gemeinde anerkannt und schon tags darauf kam P. Franz Megnis aus Lettland als erster Pfarrer. Einmal monatlich besuchte er die Gläubigen in Scherbakty. Am 23. März 1983 starb er nach einer Blinddarmoperation unter unklaren Umständen in einem Spital von Paviodar. Nur noch sporadisch wurde Paviodar, Krasnoarmeika und Scherbakty von einem Priester besucht. Jörg Lattegan hatte den polnischen Pater Alexander Bijen aus Kustanaj schon früher in Sibirien kennengelernt. Schon vor P. Franz war er manchmal in unserem Gebiet und kam auch nach dessen Tod. Litauische Priester wie Johannes Subros und Bolislav Bobrauska aus Zelinograd, die Priester Witanis Waschkalis, P. Viktor, P. Rafael bis hin zu P. Albinus aus Karaganda besuchten uns. Etwa im Jahr 1985/86 spendete der griechisch-katholische Bischof Josef Tschiburjek auch in Scherbakty das Sakrament der Firmung.

Betreut von P. Josef Schmidtlein

1987 wurde der junge Russlanddeutsche Josef Schmidtlein aus Karagande. zum Priester geweiht. Nachdem er schon 1989 zweimal Paviodar und Scherbakty besuchte und viele Jugendliche nach Karaganda zur Firmung brachte, wurde er im März 1990 als neuer Administrator nach Paviodar geschickt. Jetzt bekam die Gemeinde von Scherbakty sogar wöchentlich eine Hl. Messe, und später noch häufiger. Die erlangte Glaubensfreiheit führte nun viele Menschen, die sich früher nicht getrauten oder sich schämten, zu den Gottesdiensten. P. Josef lernte auch Gläubige aus umliegenden Dörfern kennen. Seit 1990 schon besuchte er auch Galkino, seit 1991 Orlovka und Safievka. Als Bischof Jan Pavel Lenga am 10. Januar 1992 die Pfarrei St. Kasimir in Scherbakty perDekret errichtete, wurde Josef Schmidtlein dessen erster Pfarrer. Er betreute Scherbakty als zweite Pfarrei neben Paviodar.

1991 hatte P. Alexander Kahn die Gelegenheit, in einer Schule über den Glauben zu sprechen. Zu den Deutschstämmigen wagten sich jetzt auch einige Russenkinder ins Kirchhaus. Grösstes Problem war der Platzmangel. Man erzählt, daß die Kerzen wegen Sauerstoffmangel erloschen seien, so gesteckt voll war der Raum. Aus dieser Situation heraus wuchs die Idee von einem Kirchenneubau. P. Josef begann mutig und weitsichtig zu planen.

1992 und 1993 lud P. Josef Schmidtlein eine 5-köpfige Gruppe jugendlicher Brüder und Schwestern aus der katholischen Bewegung "Pro Deo et fratribus" für einen Sommereinsatz nach Scherbakty ein. Als sogar Bischof Paolo Hnilica aus Rom zu Besuch kam und im Kirchhaus an der üliza Sapadnaja 19 die Hl. Messe feierte, segnete er anschliessend am 28. August 1992 das Grundstück für die neue Kirche. Zwei Tage später kam zum erstenmal auch der Ortsbischof Jan Pavel Lenga und spendete das Sakrament der Firmung. Durch den Einsatz von P. Josef Schmidtlein und die Freundschaft der beiden Bischöfe wurde Scherbakty seit dem 16. Juli 1994 ständig von Priestern und Schwestern der Gemeinschaft "Pro Deo et fratribus - Familie Mariens der Miterlöserin" betreut.

Die Missionare aus dem Westen

P. Jean Marc Stoop und die Missionsgruppe betreuten seit Beginn auch die Dörfer Safievka, Orlovka und Galkino, die ihnen aus früheren Einsätzen schon bekannt waren. Die "Schwestern des Eucharistischen Jesus" in Paviodar, welche die Gemeinschaft vor zwei Jahren kennengelernt hatten, baten um die geistliche Betreuung durch P. Jean Marc. Auch sollten die eigenen Schwestern, welche auf zwei Stationen in Sibirien ohne Priester der Gemeinschaft arbeiteten, berücksichtigt werden. Es war allen von Anfang an klar, daß es hier nicht nur um die Betreuung des Städtchens Scherbakty geht. Die Sonntagsgemeinde zählte hier noch etwa vierzig bis fünfzig Seelen, je zur Hälfte aus Babuschkas und Jugendlichen, grösstenteils weiblichen Geschlechts. (Nach drei Jahren waren von diesen noch kaum mehr als fünf da) Offensichtlich galt es hier, einen gewaltigen geistigen Kampf zu bestehen. So wurde die Gemeinde während 33 Tagen auf die Weihe an die Muttergottes vorbereitet. Am 22. August 1994 zogen wir in feierlicher Prozession zum Bauplatz des neuen Gotteshauses, feierten in der zukünftigen Seitenkapelle die erste hl. Messe in Konzelebration von P. Josef Schmidtlein und dem Festprediger P. Alexander Kahn und weihten die Pfarrei der Königin des Friedens.

Ein Hauptanliegen der Missionare aus dem Westen war es, die Anwesenheit der Kirche in möglichst vielen Dörfern bekannt zu machen, damit jeder die Möglichkeit hat, das Wort Gottes zu hören. Durch Kleider- und Lebensmittelverteilung an die Armen wurde auch in entlegenen Dörfern ein Zeichen der Liebe Gottes gesetzt. Mit Hilfe von Frau Maria Abucharissovna, Verantwortliche für Waisenkinder und selbst Kasachin, und auf eigene Initiative lernte P. Jean Marc 1994/95 auf diesem Wege fast alle der über 40 Dörfer und Dörfchen im Rayon Scherbakty kennen. Nach der Erweiterung der Pfarrei konnten dann nur noch einige Dörfer der neuen Gebiete erreicht werden.

Noch konnten man auf deutsch vieles verhandeln. Doch für die jüngere Generation zeigte sich die Sprache der Liebe und der Geduld als nützlichste und letztlich entscheidende. Da die Russischkenntnisse der Ausländer noch im Anfänge r Stadium war, wurde sehr viel mit einheimischen Uebersetzem gearbeitet. Frau Maria Lorenz leistete hierin bis zu ihrer Ausreise Ende 95 unersetzliche Dienste.

Die ausländischen Missionare waren anfangs in veschiedenen Familien untergebracht. Dann konnten sie das leerstehende Haus in der uliza Alimbaeva 125 beziehen und es bald für 1000. - DM erwerben. Am I. November 94 kehrte Laurentius Schamberger aus Deutschland als frischgeweihter Priester nach Scherbakty zurück. Mit ihm war ein junger Tiroler Manfred Juen, der als Teil der Missionsgruppe zuverlässig so viele praktische Arbeiten verrrichtete. Zum Fünfer-Team gehörte auch Sr. Gemma Stoop, eine Schweizerin und die leibliche Schwester des verantwortlichen Priesters und Sr. Maria Domenica Osterhammer aus Bayern. Diese beiden Schwestern hatten schon 1993 mehrere Monate allein unter der Aufsicht und dem regelmässigen Besuch von P. Josef Schmidtlein in Scherbakty und einigen Dörfern Katechese erteilt. Eine große Hilfe war, als gleich das Haus nebenan, Alimbaeva 123, erstanden und somit nach einem halben Jahr ordentliche Wohnverhältnisse geschaffen werden konnten.

Die neue Kirche

Von Anfang an war klar, der von P. Josef Schmidtlein seit 1992 unter großem Einsatz und Leiden begonnene Kirchbau muss weitergeführt und vollendet werden. Die Mauern standen bis zu den oberen Fenstern. Nachdem P. Josef schon zweimal von verschiedenen Brigaden Fachleuten enttäuscht worden war, baute er mit eigenen Händen, mit einem Lehrer Josef Karlinger aus Paviodar und einigen Jugendlichen aus dem Rand der Gesellschaft vorallem in Ferienzeiten an der Kirche weiter.

P. Jean Marc nun zählte auf Wohltäter aus dem Westen und suchte eine gute und anständige Baufirma. Mehrmals wurden vereinbarte Besprechungstermine am Bauplatz veschoben. Plötzlich bauten Arbeiter dieser Firma, doch ohne konkrete Absprache. Nach drei oder vier Tagen verlangten sie Geld für die Anschaffung weiterer Materialien. Die mühsam und voll Hoffnung gesuchte Lösung des Kirchbaus durch eine Gruppe Fachleute nahm ein jähes Ende, denn ihre Arbeiter hatten so falsch gebaut, daß zuerst wieder abgebrochen werden musste. Doch wer macht diese Arbeit? Wer ist gewillt und fähig, den Kirchbau zu vollenden?

Im September 1994 war ein junger deutscher Elektriker, der vor zwei Jahren von den Drogen weggekommen war, als Arbeiter nach Scherbakty vermittelt worden. Nach der letzten Erfahrung setzte sich P. Jean Marc mit ihm über den Bauplänen zusammen um zu beraten, ob sie zwei wohl fähig wären, den Bau zu vollenden. P. Jean Marc meinte in dieser Sackgasse: "Schau Hermann, ich verstehe nichts. Du verstehst nichts! Komm, wir fangen an!" Gott selber musste uns also führen. Wir brauchten als erstes Maurer. Gott schickte uns einen ahnungslosen Vierziger, Sohn eines evangelischen Pastors. Dieser wollte, der Kirche ein Klavier schenken. Mit ihm kamen wir über den Bau zu sprechen, und er sagte uns seine Hilfe zu. Selbst hatte er schon grössere Brigaden geleitet, aber seine Neigung zum Alkohol stand im Gegensatz zu seinen organisatorischen und praktischen Fähigkeiten. So wurden Petro Davidovitsch Fritzler und Hermann Schütten die zwei unwürdigen Diener, durch die Gott das Bauwerk "Zur Ehre der Göttlichen Vorsehung" vollenden wird. Am Fatimatag, 13. 10. 94, wurden die Arbeiten erneut in Angriff genommen.

Natürlich fehlte es an pessimistischen Redereien nicht: "Für wen baut ihr die Kirche; die Deutschen wandern alle aus? Die Kasachen werden euch das Gebäude abnehmen und das Kreuz mit dem Halbmond eintauschen . . . " Es galt noch ungezählte Leiden zu erdulden und Hindernisse zu überbrücken.

Baumaterial und Technik waren oft sehr schwierig aufzutreiben. Die Preise schnellten unkontrollierbar in die Höhe. Zweimal wurde Baustopp verhängt, einmal mit dem Hinweis, daß die letzten zwei Meter Höhe wieder abgebaut und schöner gemacht werden müssen. In vielen Sackgassen blieb den Missionaren nur noch das Gebet und das geduldige Abwarten der kommenden Ereignisse. Zweimal wurde der Strom gesperrt, weil ein kirchlicher Mitarbeiter eigenes Vergehen auf die Kirche abschob.

Die Letztentscheidung in allen Details trug P. Jean Marc. Beraten und besprechen, messen und planen war nicht so mühsam, als oft und oft festzustellen, daß die Arbeiter doch wieder eigenwillig und entgegen den Abmachungen handelten. Und ist es die Aufgabe des Pfarrers, über Arbeitsmoral, Alkohol und Diebstahl am Arbeitsplatz zu wachen, wenn es sich um ein heiliges Projekt handelt?

Im April 1996 war wiedermal Sackgasse. Scherbakty brauchte unbedingt einen zuverlässigen, aber auch kompetenten Arbeiter. Ohne jemanden, der die Oberaufsicht übernahm, ging es einfach nicht mehr. Als alle menschlichen Beziehungen ohne Erfolg in Betracht gezogen worden waren, fiel die Wahl auf den hl. Josef. Er sollte die Oberaufsicht übernehmen, weil es dem Pfarrer zuviel wurde. Wie selbstverständlich wendete sich am 1. Mai die Situation. Der Pfarrer hielt sich mehr zurück im Gebet, die Arbeiten gingen schneller, Probleme kamen weniger, die Moral wurde besser, der Bau wurde erstaunlicherweise termingerecht fertig.
P. Jean Marc machte 1995/96 mehrmals Vortragsreisen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, zeigte Lichtbilder über die Arbeit der Missionare und erläuterte die Notwendigkeit dieses Gotteshauses. Die Wohltäter der Missionsgemeinschaft waren sehr großzügig. Auch Renovabis und Kirche in Not und Bischof Jan Pavel Lenga halfen mit ihren Beiträgen an der Fertigstellung des Kirchbaues innert zwei Jahren mit.

Zur feierlichen Einweihung durch Bischof Jan Pavel Lenga am 25. August 1996 konzelebrierten elf Priester aus dem In- und Ausland. Über Tausend Gläubige und Neugierige drängten sich in die Kirche. Die ganze Pfarrei bekam als erste Schutzherrin noch vor dem hl. Kasimir Maria selbst als die "Hilfe der Christen". Patrozinium wurde der 24. Mai. Die Seitenkapelle bekam eine große Statue aus dem Grödnertal. Der Altar und der erhöhte Boden wurden vom alten Kirchhaus überführt. Die beiden großen Gipsstatuen aus dem alten Kirchhaus fanden ihren neuen Platz links und rechts im Altarraum.

Von der Deutschen- zur Vielvölkerkirche

Ms im Juli 1994 die Missionsgruppe aus dem Westen kam, freuten sich nicht nur die deutschstämmigen Babuschkas. Vielen war es das größte Geschenk, daß Scherbakty jetzt immer einen Priester haben wird. Doch so manche - und im Geheimnen vielleicht alle - zweifelten, daß die Missionare für immer bleiben werden. Oft genug wurde gefragt: "Wie lange bleibt ihr noch?" Daß die Missionare bleiben, auch wenn der letzte Deutsche gegangen sein wird, paßte nicht in die Köpfe der meisten Gläubigen. Nun ja, man liebte die Missionare, aber sie blieben doch immer Ausländer, die anders dachten und so vieles von hier nicht verstanden.

Schon im August meldeten sich neue Kinder zur Taufe. Sie kamen auf eigene Initiative, meist von der Begeisterung eines anderen Pfarrkindes angesteckt. Im Dezember wurden acht Jugendlichen das Sakrament der Taufe gespendet. Es waren schon keine reinen Deutsche mehr. Bis Jahresende konnten sieben auf die hl. Erstkommunion vorbereitet werden. Mehr und mehr wagten sich auch Ukrainer, Russen, Tataren und andere in das Kirchhaus. Die nichtdeutschen Kinder spürten, daß sie den Seelsorgern willkommener waren, als den frommen Babuschkas. Auch gaben sich die Missionare Mühe, nicht nur möglichst viel übersetzen zu lassen, sondern selbst unter großen Anstrengungen russisch zu beten und zu sprechen. Gerade wo die Worte fehlen, kommt die Sprache der Liebe mehr zum Durchbruch. Und diese Sprache verstanden alle und vereinte alle. Man lernte, viel Geduld für einander zu haben und das förderte Gemeinschaft.

Die Firmung der 21 Kandidaten am S. November 1994 durch Bischof Jan Pavel Lenga wurde im Pioniershaus vorbereitet, weil im Kirchhaus eindeutig kein Platz für all die interessierten Gäste war. Auch die grosszügige Verteilung eines Hilfstransportes der Gemeinschaft im September 94 bedingte für viele den ersten Schritt in die Kirche. Einige blieben. Im November/Dezember meldeten sich über fünfzig zur Taufe Vorbereitung. Nur ein Teil blieb treu bis Ostern. Dennoch hatten wir Grund genug, das alte Gebetshaus schnell etwas zu vergrößern. Durch einen weiträumigen Eingang und eine separate Garderobe konnte im Innern des Gebetsraumes, der noch von 1979 war, mehr Raum geschaffen werden. Tatsächlich kamen jetzt manchmal auch hundert Seelen zum Sonntagsgottesdienst.

Durch die Auswanderung der Gottesdienstbesucher hauptsächlich nach Deutschland erneuerte sich die Pfarrei innerhalb von etwa drei Jahren und wurde ausschließlich Missionsgebiet. Das erleichterte den Zugang zu den verschiedenen Nationalitäten, deren es in Scherbakty weit über dreissig gibt. Dennoch war es nicht leicht, den Ruf, eine deutsche Kirche zu sein, zu überwinden und das katholische Verständnis einzupflanzen. Mit dem Dekret vom Z. Februar 1995 wurde das Pfarrgebiet von Scherbakty auf die beiden Rayone Uspenka und Lebjaschi erweitert, ein Gebiet mit nur geringem Anteil Katholiken, aber einer bestehenden kleinen Gemeinde in Ravnopol im Uspenski Rayon. Mit dem gleichen Dekret wurde P. Jean Marc Stoop zum Pfarrer und P. Laurentius Schamberger zum Vikar ernannt.



Links:
 
Interview with Jean Mark Stoop
  • http://www.fides.org/German/1999/g19990903.html#g501
  • http://www.fides.org/English/1999/eindex99.html
  • http://www.fides.org/Italian/1999/i19990903.html#i493


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